Gründung

Das Freie Deutsche Hochstift für Wissenschaften, Künste und allgemeine Bildung wurde am 10. November 1859, am 100. Geburtstag Friedrich Schillers, von 56 zumeist Frankfurter Bürgern gegründet. Die politischen Ideale der gescheiterten Revolution von 1848 sollten hier eine ins Geistig-Kulturelle gewendete Heimstatt finden. Initiator war der Geologie Dr. Otto Volger aus Lüneburg, Dozent der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft und selbst einst ein aktiver 1848er.

volger otto foto 1864

Der jedem offenstehende Verein – damals keine Selbstverständlichkeit! – verstand sich als freie Akademie, die gesamtdeutschen Geist und Bildung fördern wollte. In Lehre und Forschung frei von Fürstenwillkür oder kirchlicher Bevormundung wollte man den Gedanken der deutschen Einheit in der Besinnung auf die gemeinsame kulturelle Identität wachhalten: ein „Hochstift“, ein geistiger Mittel- und Sammelpunkt für die ganze Nation.

Erwerb des Goethe-Hauses

1863 erwarb der junge Verein Goethes Elternhaus am Großen Hirschgraben, das seit dem Auszug Catharina Elisabeth Goethes 1795 mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, im Innern umgebaut und zum Teil noch vermietet war. Mit dem Kauf des Hauses und dessen Öffnung als erste öffentlich zugängliche Goethe-Memorialstätte wuchs der Vereinigung eine neue Aufgabe zu. Neben dem satzungsgemäßen Wirken für das allgemeine Bildungswesen, dem man nachkam, indem man Vortragsreihen veranstaltete, öffentliche Stellungnahmen zu Bildungsfragen abgab und bedeutende Persönlichkeiten aus allen wissenschaftlichen Gebieten für die Bestrebungen des Vereins gewann, galt es nun auch der historischen Bedeutung von Goethes Elternhaus gerecht zu werden. Dank eines großen Vermächtnisses, das 1881 die Finanzen des Vereins auf eine solide Grundlage stellte, gelang es, die Vielfalt der Aufgaben zu bewältigen.

goethehaus eintrittskarte

Weg zum Frankfurter Goethe-Museum

Zwei Umstände führten indessen bald zu einer deutlichen Gewichtsverlagerung zugunsten der Museums-, Sammlungs- und Forschungstätigkeit: die Gründung einer Universität in Frankfurt am Main, der Johann Wolfgang Goethe-Universität, und die Ausdünnung des eigenen Lehrangebots während des Ersten Weltkriegs.

Schon 1897 hatte ein eigener Museums- und Bibliotheksbau neben dem Goethe-Haus errichtet werden können, das „Frankfurter Goethe-Museum“. Es half die seit der Jahrhundertwende stetig vermehrten Sammlungen von bildkünstlerischen Zeugnissen, Dichterautographen und Büchern der Goethezeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Auch die Forschungsbibliothek wurde sukzessive ausgebaut.

goethe museum 1897

Seit 1885 legten die Berichte, seit 1902 das Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, über Neuerwerbungen und Forschungen ausführlich Rechenschaft ab.

Konsolidierung

Im Jahr 1925 übernahm Ernst Beutler das Amt des Direktors aus den Händen des seit 1888 amtierenden Otto Heuer, des eigentlichen Gründers eines Goethe-Museums in Frankfurt am Main. Die Situation war äußerst schwierig: Die Inflation hatte die finanzielle Grundlage des Freien Deutschen Hochstifts vernichtet, das Goethe-Haus bedurfte dringend einer baulichen Sanierung, der Museums-Bau musste erneuert und erweitert werden. Es gelang, alle drei Aufgaben innerhalb von sieben Jahren zu bewältigen, und am 14. Mai 1932 konnte durch Thomas Mann der neue, stark erweiterte Museumsbau feierlich eröffnet werden.

goethe museum 1932

Zeit des Nationalsozialismus

Das Jahr 1933 brachte neue, ernsthafte Gefahren für das Freie Deutsche Hochstift und seinen liberal gesinnten Direktor.

Das Reich und das Land Preußen stellten ihre Unterstützung ein, weil das Hochstift als Hort der liberalen Gesinnung galt und den staatlichen Stellen im Umgang mit „Nichtariern“ nicht konsequent genug erschien. Zudem wurden wichtige Freunde und Mäzene, die dem Institut geistigen und materiellen Rückhalt geboten hatten, von den Nationalsozialisten verfolgt, getötet oder ins Exil oder in die innere Emigration getrieben.

1937 verlor der Hochstiftsdirektor seine Honorarprofessur an der Universität und erhielt Redeverbot. Sein Verbleib im Amt war bedroht, doch die privatrechtliche Struktur des Vereins und die Hilfe städtischer Unterstützer verhinderte Schlimmeres.

Zerstörung des Goethe-Hauses

In sicherer Erwartung des Krieges hatte man schon ab 1939 damit begonnen, wertvolle Sammlungsbestände außerhalb Frankfurts auszulagern. Bis 1943 wurden sie nach und nach an zwölf verschiedenen Orten in Sicherheit gebracht. Bei den großen Angriffen auf Frankfurt am Main vom 22. bis 24. März 1944 wurden das Goethe-Haus und das Goethe-Museum vollständig zerstört.

Wiederaufbau

Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren von den Mühen des Wiederaufbaus dominiert. In einem national geführten Streit, um den angemessenen Wiederaufbau des Frankfurter Goethe-Haus, setzt sich die Position des Hochstifts durch und Goethes Elternhaus wird bis 1951 originalgetreu wiederaufgebaut. 1954 wird auch das Frankfurter Goethe-Museum wiedereröffnet. 1960 stirbt Ernst Beutler, hochgeehrt im Inland wie im Ausland.

Wissenschaftliche Tätigkeit und kritische Editionen

1962 tritt Detlev Lüders das Amt des Direktors an. Unter seiner Leitung werden die Abteilungen des Hauses um eine Brentano-Redaktion und eine Hofmannsthal-Redaktion erweitert. Der Bibliothek wird eine Papierrestaurierungswerkstatt angegliedert, der Graphischen Sammlung ein Fotoarchiv. Das Jahrbuch wird nach langer Unterbrechung 1962 wieder gegründet, das Institut übernimmt mit der ‚Historisch-kritischen Ausgabe sämtlicher Werke und Briefe Clemens Brentanos‘ und der ‚Kritischen Ausgabe Sämtlicher Werke Hugo von Hofmannsthals‘ zwei Editionsprojekte hohen wissenschaftlichen Anspruchs.

Sanierung des Institutsgebäudes

Nach zwanzigjähriger Amtstätigkeit tritt Detlev Lüders in den Ruhestand, ihm folgte für ein Jahr der Goethe-Forscher Arthur Henkel, im Herbst 1983 übernahm Christoph Perels das Amt des Direktors.

Schon 1982 waren erste konkrete Überlegungen erfolgt, wie die nach dem Krieg unter großen Einschränkungen wiedererrichteten Gebäude saniert und den Sammlungen wie den Aufgaben entsprechend ausgestaltet werden könnten. Ein grundlegender Umbau der Magazine, des Museums und der Arbeitsräume erwies sich als unabdingbar. Ohne dass der Sammlungsauftrag und die wissenschaftlichen Projekte eine Unterbrechung erfuhren und ohne dass das Goethe-Haus selbst geschlossen werden musste, konnte das Institutsgebäude zwischen 1992 und 1997 grundlegend saniert, umgebaut und modernen Sicherheits- und Arbeitsstandards angepasst werden.

100jähriges Jubiläum

Am 20. Juni 1997, dem hundertsten Geburtstag des Frankfurter Goethe-Museums, wurde das umgebaute Haus durch Bundespräsident Roman Herzog feierlich eingeweiht. Seitdem bietet das Freie Deutsche Hochstift über seine wissenschaftliche und seine Museumsarbeit hinaus jährlich ein umfangreiches Kulturprogramm mit Vorträgen, Dichterlesungen, Rezitationen und Musikabenden an, seine Ausstellungstätigkeit hat sich dank eines hinzugewonnenen Saals deutlich intensiviert.

Heute

Seit 2003 steht mit Anne Bohnenkamp-Renken die erste Frau an der Spitze des Freien Deutschen Hochstifts. Mit ihr konnte 2009 der 150. Gründungstag des Freien Deutschen Hochstifts groß gefeiert werden. Heute arbeiten Vierzig, zum Teil aus Drittmitteln bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie sechsundzwanzig Aushilfskräfte in den verschiedensten Aufgabenbereichen des Freien Deutschen Hochstifts. Jährlich besuchen rund 116.000 Menschen das Frankfurter Goethe-Hauses, der Gemäldegalerie und das reichhaltige Angebot an Ausstellungen und Veranstaltungen. Das Freie Deutsche Hochstift hat sich im Lauf seiner Geschichte zu einer international anerkannten Forschungseinrichtung entwickelt und ist trotzdem der Idee seiner Gründungsväter treu geblieben, für Wissenschaften, Künste und allgemeine Bildung zu wirken.

In Kooperation mit dem Goethe- und Schiller-Archiv (Klassik Stiftung Weimar) und dem Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere deutsche Literaturgeschichte der Universität Würzburg wurde seit 2009 eine neue historisch-kritische Edition des Goetheschen ‚Faust‘ erarbeitet, die im Herbst 2018 vorgestellt werden konnte. Die Ausgabe verbindet eine moderne Faksimile-Edition mit einem innovativen genetischen Apparat im digitalen Medium.

Das bestehende Ensemble aus Goethe-Haus und Gemäldegalerie der Goethezeit wird derzeit um ein Deutsches Romantik-Museum erweitert. Das neue Museum ermöglicht, die weltweit einzigartige Sammlung des Hochstifts zur Literatur der deutschen Romantik einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Eröffnung ist für Herbst 2021 vorgesehen.

grosser hirschgrabe fdh englert