Romantik-Ausstellung

Im Jahr 1771 wurde Rahel Levin als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Berlin geboren. Als Jüdin und Frau blieb ihr Gleichberechtigung doppelt verwehrt. Kurz vor ihrer Hochzeit mit dem deutlich jüngeren Diplomaten Karl August von Varnhagen ließ sie sich auf die christlichen Vornamen Antonie Friederike taufen. Alle ihre Publikationen – überwiegend Briefe und Aphorismen – erschienen zu Lebzeiten anonym.

Bekannt wurde Rahel Levin vor allem durch ihre privaten Tee-Gesellschaften, zu denen sie seit den 1790er Jahren einlud. Als hochgebildete Gastgeberin versammelte sie einen geselligen Kreis um sich, dem Mitglieder der Familie, Freunde, Intellektuelle sowie Persönlichkeiten aus Adel und Politik angehörten. Zahlreiche Romantikerinnen und Romantiker waren im Laufe der Jahre hier zu Gast. Die Zusammenkünfte waren gekennzeichnet von Offenheit und Toleranz: Das Individuum zählte, nicht das Geschlecht, der soziale Stand oder die Religionszugehörigkeit. Aus dieser frühen Zeit stammt das Porträt-Relief des Bildhauers Friedrich Tieck, der die 25-jährige Salonnière abbildet. Sie selbst empfand es als ihr „sehr ähnlich“.

Einen Eindruck von ihrer Salonkultur gibt die Illustration des Künstlers Erich Simon aus dem Jahr 1923. Rahel Levins erster Salon, die „Dachstube“ in der Jägerstraße, fand 1806 ein Ende, als Preußen Napoleons Truppen unterlag und wirtschaftlich schwierige Jahre folgten. Die Stimmung war vielfach antifranzösisch und antijüdisch, so auch in der von Achim von Arnim mitgegründeten ‚Deutschen Tischgesellschaft‘.

Nach einigen Jahren, die sie in Folge von Varnhagens diplomatischem Dienst an wechselnden Orten verbrachten, kehrten Rahel und Karl Varnhagen 1819 nach Berlin zurück, wo sie nun als Gastgeberin ihres zweiten Salons wirken konnte. In ihren Gesellschaften spielte von Beginn an auch ihre Begeisterung für Goethe eine Rolle, dem ihre erste Publikation von 1812 gewidmet war: Ueber Goethe. Bruchstücke aus Briefen. In Schublade 1 befinden sich Rahel Varnhagens Abschriften von zwei Gedichten Goethes, die offenbar „zum componieren“ für die Liedkomponistin Jeannette Milder bestimmt waren.

Mit der Briefsammlung Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde setzte ihr Ehemann seiner Frau und ihrer fortschrittlichen Utopie von freier Geselligkeit ein Denkmal. Die Briefsammlung umfasst ein Netzwerk von rund 130 Korrespondenten und Korrespondentinnen und zeigt sie als eine emanzipiert denkende Autorin, die Heinrich Heine zur „geistreichsten Frau des Universums“ erklärte.

Rahel Varnhagen litt zeitlebens unter der herrschenden Judenfeindlichkeit. Selbst unter ihren Gästen waren solche, die sich andernorts offen antisemitisch äußerten. Mit Entsetzen reagierte sie auf die antijüdischen Pogrome, die sogenannten Hep-Hep-Krawalle, bei denen es 1819 in vielen Städten des Deutschen Bundes zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Die Angriffe richteten sich gegen Bestrebungen zur rechtlichen Gleichstellung der Juden. Sie schreibt: „Ich bin gränzenlos traurig und in einer Art wie ich es noch gar nicht war. Wegen der Juden. Was soll diese Unzahl Vertriebener thun. Behalten wollen sie sie; aber zum Peinigen und Verachten; […] zum Fussstoss, und Treppenrunterwerfen.“

In Schublade 2 befindet sich die Rahel-Biografie der Philosophin Hannah Arendt, die Rahel Varnhagens Leben aus der Perspektive einer deutschen Jüdin nach der Shoah neu deutet.