Romantik-Ausstellung

Am 4. April 1802 lernte Clemens Brentano Karoline von Günderrode bei seiner Schwester Bettine kennen. Der 23jährige Autor hatte ein Jahr zuvor seinen Roman Godwi veröffentlicht, den Günderrode bereits gelesen hatte. Seit ihrem 17. Lebensjahr lebte sie im Cronstetten-Stift, einer Einrichtung für mittellose adlige Damen, nahe dem Frankfurter Roßmarkt. Ihre verwitwete Mutter hatte die älteste Tochter aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten dorthin gegeben. Hier unterstand die junge Frau einer strengen sozialen Kontrolle, so dass sie ihre schriftstellerische Tätigkeit zunächst geheim hielt. Nur wenigen Vertrauten gegenüber konnte sie sich öffnen.

Karoline von Günderrode war eine ungewöhnliche Frau für ihre Zeit. Da sie nach eigener Aussage „Begierden“ hatte „wie ein Mann“, war sie fasziniert von der romantischen Idee eines freien, gleichberechtigten Verhältnisses der Geschlechter. Brentano ließ der 22jährigen kurz nach ihrem Kennenlernen einen Brief zukommen, der alle Grenzen der Schicklichkeit überschreitet. Dieser erotische, vampir-artige Überfall zieht sich über zwei dicht beschriebene Seiten, die dritte Seite aber ist fast leer. Der Nachsatz auf der letzten Seite beginnt mit den Worten: „Waß macht der Brief für eine Wirkung auf dich liebes Günterrödchen.“ Dieses Schreiben ist offensichtlich gar kein rauschhafter Ausbruch von Leidenschaft, sondern ein literarisch-psychologisches Experiment, mit dem Brentano die Adressatin herausfordern wollte. Günderrode durchschaute, dass sie auf die Probe gestellt wurde. Am 19. Mai 1802 begann sie ihr Antwortschreiben mit den Worten: „Es war mir ganz wunderlich zu Muth als ich Ihren Brief gelesen hatte; doch war ich mehr denkend als empfindend dabei; denn es war mir noch so, als ob dieser Brief gar nicht für mich geschrieben sei.“ Mit kühlem Verstand ignorierte sie die Grenzüberschreitung und analysierte stattdessen den Briefschreiber: „Es kömt mir oft vor als hätten Sie viele Seelen“.