GROSSARTIG I KURIOS I INTERNATIONAL

Vitrine 4: Erinnerungsbilder

“Peter Boerner sah die Kopie der Goethe-Büste von David d'Angers erstmals 1977 bei seinem Studienfreund Ernst Wolfgang Mick, damals Direktor des Tapeten-Museums in Kassel. Mick war ein grosser Goethe-Verehrer und hatte die Büste bei sich zu Hause (wo einmal seine Kinder zu seinem Entsetzen dem Goethe einen Schnurrbart aufgemalt hatten).

Mick erzählte Peter, dass ein mit ihm befreundeter Direktor eines Museums, wo die Original-Büste vorübergehend ausgestellt war, ihm angeboten habe, für ihn eine Kopie der Büste machen zu lassen. Er meinte, sein Freund würde das auch für Peter tun. Was dann tatsächlich geschah. Wir waren damals in Wolfenbüttel, wo Peter an der Herzog August Bibliothek ein Forschungsstipendium hatte. Erst kurz bevor wir wieder nach Hause fahren mussten, wurde die neue Kopie der Büste fertig. Weil wir nicht in der Lage waren, sie gleich mit nach Bloomington zu nehmen, konnten wir sie gücklicherweise bei Peters Mutter in ihrem Darmstädter Abstellraum deponieren. Goethe blieb dort bis wir 1980/81 wieder in Deutschland waren, diesmal am ZiF in Bielefeld.

Die Büste würde dann in unserer Bielefelder Wohnung etabliert. Sie stand auf einer groβen Kiste, die Peter in sein Büro geholt hatte. Wenn wir Besuch bekamen, hat er den Gästen empfohlen, auf die Knie zu gehen, um den Goethe aus der richtigen Perspektive bewundern zu können.

Als wir wieder in die U.S.A. zurück mussten, haben wir die Büste erneut bei Peters Mutter in Darmstadt deponiert. Zu ihrer grossen Freude konnten wir sie dann 1986 endlich davon befreien (sie brauchte den Platz im Abstellraum).

Wir brachten die Büste nach Berlin, wo Peter am Wissenschaftskolleg arbeitete. In den Berliner Monaten konnten wir, nach mehreren verwickelten Verhandlungen, einen Eckschrank und einen Schreibtisch aus Peters Familienbesitz von der Ostberliner Staatsbibliothek (wo eine Tante sie zur Aufbewahrung gelassen hatte) nach West Berlin zu uns in die Wohnung transportieren lassen. Am Ende unserer Berliner Zeit haben wir alle drei Stücke als Seefracht nach Bloomington geschickt.

Zu unserem Erstaunen haben sie die Reise gut überstanden, und so residierte die groβe Büste dann viele Jahre bei uns – bis sie wieder in Deutschland ein endgültiges, sehr schönes Zuhause bei Euch gefunden hat.”

Nancy Boerner in einem Brief an das FDH vom 20. Dezember 2025